Windows 3.11 Online

Ächz, phantomastisch: Windows 3.11 im Browser. Echt erstaunlich was man aus einem bisschen HTML und JavaScript alles machen kann.

» 26.01.2010 # nostalgie  windows 

Digital Pioneer, das bin ich

Foto von Alexander Gorlin (Flickr)
Ich habe in dem Jahr als Ellen Ripley sich gegen ein fieses Ding aus dem All wehren musste das Licht dieser Welt erblickt. In meiner Kindheit habe ich die Abrafaxe verschlungen, Lolek & Bolek im Fernsehen geschaut und mich über die Olsenbande und Louis de Funès kaputt gelacht. Den Begriff Computer hab ich bis 1986 noch nie gehört. Nein ich bin nun wirklich kein Digital Native.

Irgendwann in den Jahren 1984-1986 hat mein Vater angefangen einem Computer Mikrorechner zu bauen. So richtig krass mit Leiterplatten ätzen, Löten und dem ganzen Zeug das heutzutage Roboter binnen Sekunden erledigen. Die Vorstufe zum Wahnsinn (meine damalige Vermutung) oder eben ein echter Nerd. Herausgekommen ist irgendwann ein handbemalter kleiner grauer Kasten, prall gefüllt mit Elektronik. Um Platz und Geld zu sparen war das Gerät Computer und Tastatur in Einem.

Aus irgendeiner Ecke der Republik hat mein Vater ein paar Kassetten mit Spielen besorgt, die man mit einem Kassettenrecorder starten konnte. Ich erinnere mich noch an die Befehle load und run die ich über die Tastatur in unseren Schwarz-Weiß-Fernseher getippt habe. Und an das Geräusch das beim Laden der Spiele von der Datasette entstand, bei dem ich heute weiß das es in Wahrheit aus der Matrix stammt. Ich war also der Lenker von merkwürdigen Pixelhaufen, die merkwürdigen Pixelhaufen ausweichend Leiter für Leiter nach oben geklettert sind. Ein Wahnsinn der mich damals in meiner Schule zum absoluten Star gemacht hat. Niemand sonst hatte so etwas zu Hause.

Um 1990 herum kam mit dem ersten echten PC die nächste Evolutionsstufe in unserem Haushalt an. Das war die Zeit in der ich eine Vielzahl neuer Befehle für diese schwarze Eingabezeile gelernt habe. Ganz wichtig vor allem (Achtung! Nostalgie) alleycat.exe und stunts.exe.

Da auch mein Vater ein leidenschaftlicher Zocker war, wurden die Rechenknechte im Laufe der Zeit auch in unserem Haushalt immer schneller. Er war für das Upgrade der Hardware zuständig und ich für die Beschaffung der neuesten Spiele. Auf Disketten versteht sich, die beim Kopiervorgang auf den heimischen Rechner von unserem Virenscanner (natürlich auch vom Schulhof) gerne mal als kompromittiert angemeckert wurden.

1994 habe ich meinen ersten eigenen Rechner erstanden. Ein 386'er, gefunden über einer Kleinanzeige in einer Tageszeitung. Abzuholen war das gute Stück in der knapp 30 Kilometer entfernten Landeshauptstadt, in die ich kurzerhand mit dem Zug gefahren bin. Dort angekommen habe ich mich ohne Navi (!) zum Wohnort des Verkäufers durchgeschlagen, den Rechenknecht in eine große Tasche gepackt und mich auf den beschwerlichen Heimweg gemacht. Meine Eltern wussten von alldem natürlich nichts. Aber das war mir egal. Ab jetzt hatte ich meinen eigenen PC und musste nicht mehr darauf warten bis mein Vater seine Civilization-Session beendet hat.

1995 war Microsoft nicht nett zu mir. Windows 95 erblickte das Licht der Welt und landete schnell auch auf meinem Schreibtisch. Rückblickend frage ich mich natürlich warum ich insgesamt drei Anläufe gebraucht habe um endgültig bei Windows 95 zu bleiben. Aber damals fand ich Windows 3.11 und DOS 6.22 eben viel praktischer.

So gesehen trat mit Windows 95 das ein, was die Werbeaussagen von Microsoft versprachen: Ich wurde produktiv. Mit Profibatch (eine Programmiersprache basierend auf Batch mit der sich grafische Oberfläche erstellen ließen) habe ich meine ersten eigenen Programme geschrieben. Mein Meisterstück war "CHEATMANIA". Eine kleine Freeware die einige tausend Tipps, Cheats und Lösungsanleitungen für die damals angesagten Spiele bereitgehalten hat. Das Progrämmchen hat es später sogar auf eine CD der PC Action geschafft.

In der Schule wurde ich dann noch dazu genötigt Turbo Pascal zu lernen. Im Gegensatz zu meinen Altersgenossen hatte ich damit kein Problem. Gelangweilt hat es mich trotzdem. Mit dem langsam aufkommenden Internetzeitalter habe ich die Produktivitätsschiene langsam aber sicher verlassen und mich viel lieber in Chats getummelt. Später kam dann ICQ (12975005; Diese Nummer wird mir niemals aus dem Kopf gehen.) und irgendwann auch Napster dazu. Mein 33,6er Modem hat geglüht. Mein Vater auch. Jeden Monat aufs Neue wenn er die Telefonrechnung geöffnet hat. Mehrere hundert Mark sind Monat für Monat durch die Datenleitungen gewandert.

Natürlich gab es auch produktive Dinge die ich zu dieser Zeit vollbracht habe. So habe ich beispielsweise den Logo-Contest von ThurNet, dem Verein zur Förderung der privaten Datenkommunikation e.V. gewonnen. Und natürlich habe ich auch Webseiten zusammengeklickt, von denen ich aber ehrlich gesagt froh bin das sie nicht mehr im Netz existieren.

In all den Jahren habe ich mir einen kontinuierlichen Ruf als Nerd Freak in meinem Freundeskreis erarbeitet. Sie konnten nicht verstehen was es mir bedeutet, mit diesen vermeintlich fremden Menschen im Internet zu chatten. Sie konnten und wollten nicht sehen, welche Möglichkeiten sich durch das Internet für Jeden eröffneten. Für sie war ich komplett verrückt, so wie mein Vater damals für mich, als er in seinem Hobbyraum saß und Leiterplatten für den Robotron geätzt hat.

Laut Definition bin ich kein Digital Native. Die Kaltmamsel hat den Begriff "Digital Pionieer" (zu Deutsch "digitaler Pionier") erschaffen. Und auch wenn ich rein formal kein Digital Pionieer bin, fühle ich mich mit diesem Begriff zum Ersten mal richtig beschrieben. Auch wenn ich nicht der Generation der Erfinder des Internets angehöre, habe ich eine Menge Pionierarbeit geleistet und war meinen Mitmenschen weit voraus. Wohlige Wärme macht sich breit. Endlich. Jawohl, ich bin ein Digital Pionieer.
» 23.12.2009 # a geeks life  nostalgie 

Hier schreibt und verlinkt René Fischer, Webaholic, Kreativarbeiter, Purist, Social Geek, Food Aficionado, glücklich verheirateter liebevoller Vater und Business Development Manager bei Exact in München.

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